Kolumne:
Klassenfahrt der Herzklappen

York Pijahn besucht seine Mutter in einer Reha-Klinik. Und nimmt sich gleich dort ein Gästezimmer. Urlaub in der Reha. Eine Reisestory

Meine Mutter hat gerade eine neue Herzklappe bekommen. Fünf Stunden Operation. Mein großer Bruder hatte versprochen, mich gleich nach der OP anzurufen. Einen Freitag lang hatte ich neben meinem Handy gesessen. Man wartet. Trinkt einen Schluck Wasser. Guckt aus dem Fenster, aber eigentlich nur vor die Scheibe. Hofft, dass dies nicht der Tag ist, an dem alles den Bach runtergeht. Und man macht dem lieben Gott kriecherische Angebote: Wenn Mama das übersteht, mach ich für immer alles. SMS 1 von meinem Bruder: „Alles gut gelaufen.“ SMS 2: „Was für eine geile Scheiße, oder?!“ Absolut geile Scheiße. Ich mach jetzt für immer alles.
Drei Wochen später stehe ich im Eingangsbereich einer Reha-Klinik in Ostwestfalen. Einer Mischung aus Kurhotel und rumpeligem Krankenhaus. Draußen ein Tal mit Kieswegen, drinnen eine Sitzecke, in der meine Mutter wartet. Mama ist für einen Monat in der Reha; und ich bin zu Besuch. „Na dann können Sie ja das Wochenende bei uns im Gästezimmer wohnen“, hatte mir die Stationsschwester am Telefon vorgeschlagen. „Danke, ich geh ins Wellnesshotel im Nachbarort, da riecht es nicht so nach Stützstrümpfen und Gulaschkanone.“ Den Satz hatte ich kurz in meinem Kopf probegehört – und dann durch „Super, ich nehme das Gästezimmer“, ersetzt. Ich mache jetzt immer alles. Willkommen im Reha-Urlaub.
Umarmen, Frisur loben, Ferrero-Küsschen-Packung überreichen. Meine Mutter sieht beige aus wie die Möbel um sie herum. Wie der Teppich unter, der Käsekuchen vor ihr. Man hört förmlich den Innenarchitekten, der die Reha designt hat, sagen: „Kommt, wir machen alles beige! Das finden alte Leute super. Ein optimistisches, spritziges Neue-Herzklappen-beige! Darauf eine Spargelsuppe aus der Schnabeltasse! Prösterchen!“
Alte Eltern im Krankenhaus besuchen ist – ich will da keine Sahnehaube draufsprühe – traurig. Man spürt, dass man die Rollen getauscht hat: Die Frau, die früher im Licht der Nachttischlampe an der Bettkante auf einen aufgepasst hat – liegt jetzt im Bett. Und man selbst sitzt seltsam älter und seltsam ratlos an der Bettkante.

Um das zu überspielen, bespaße ich meine Mutter mit Volldampf von Sekunde eins an. Wir spielen Rommé und ich lasse Mama zu offensichtlich gewinnen. Ich mache zu derbe Faxen vorm Fahrstuhlspiegel, ich lobe ihr Einzelzimmer zu überschwänglich, obwohl es so hässlich ist, dass man darin höchstens kaputte Gartengeräte aufbewahren würde. Ich lobe ihre Gesichtsfarbe, obwohl sie unendlich müde aussieht. Beim Abendessen im Speisesaal stellt mir meine Mutter drei Frauen vor, die meiner Mutter zum Verwechseln ähnlich sehen: Schläuche in der Nase, Strickjacken, „auch alles Herzklappen“ sagt Mama, was bei den Frauen für schnaufende Lacher sorgt. Ich spule mein Volldampf-Komplimente-Programm ab und spiele den Seitenscheitel-Supersohn. Was an den Frauen: vollkommen abperlt. Die Herzklappen erzählen sich stattdessen Insider-Geschichten über Krankenpfleger, heimliches Rauchen, sie gucken einem türkischen Gentleman im dunklen Anzug nach, der mit viel Gutem Willen wie eine zerkochte Fassung von Omar Shareef aussieht. Es ist wie eine Klassenfahrt für Frauen um die 80, bloß ohne Rundlauf an der Tischtennisplatte. Und mit Blutdrucksenkern statt mit Batida de Coco.
Am nächsten morgen holt mich meine Mutter in einem goldenen Jogginganzug zur Nordic-Walking-Gruppe ab. Mama sieht aus wie ein Ferrero Rocher mit Wanderstöcken. Eine der Ladys vom Vorabend trägt einen Poncho in dem jede Farbe verarbeitet wurde, die im weitesten Sinne als „pink“ durchgeht. Wir biegen als Teil mit einem Dutzend weiterer Patienten in einen Waldweg ein. Als wir außer Sichtweite der Klinik sind, steckt sich der Pinke Poncho verbotenerweise eine Zigarette an. Wenn jemand jetzt rufen würde, „Morgen fällt Franze aus!“ wäre mein erster Impuls, zu jubeln.
Am selben Abend stehe ich neben meinem Rollkoffer in der Reha-Lobby. Durch regennasse Scheiben sieht man mein wartendes Taxi. In den Arm nehmen, Versprechen anzurufen. „Und was machst Du heute abend?“ frage ich meine Mutter. Und bereue die Frage sofort. Was macht man schon abends allein in einer Reha mit neuer Herzklappe. Mit einer Narbe, die sich über den ganzen Oberkörper zieht, mit einem Schlauch in der Nase. Die Frau im goldenen Jogginganzug blickt mich direkt an. „Ich? Ich mache erstmal weiter.“